Körpernahe Sinne der Kinder verhungern vor TV und Videospielen

März 2004: Die Motorik unserer Kinder wird schlechter. Dies berichtete Rebecca Kunz von der Uni Karlsruhe zum Abschluss des Aktionstages "Die Bewegte Schule" in der Leutesheimer Grundschule vor Eltern.
Der Verlust der Straßenkindheit sei ein Grund dafür. "Früher haben Kinder in Wald und Wiese gespielt und dabei rumgetollt und geklettert. Heute halten sie sich immer mehr in geschlossenen Räumen auf. Die Kinder sind dabei praktisch immer beaufsichtigt, damit ja nichts passiert", erklärte die Uni-Mitarbeiterin. Die Bewegungsfreiheit der Kinder würde dadurch aber immer mehr eingeschränkt. Und das wirke sich auch auf den Körper negativ aus. Im Vergleich zum Jahr 1976 hätten Kinder bei Rumpfbeugen heute ein Defizit von zehn Zentimetern zwischen Finger- und Zehspitzen, so Rebecca Kunz.
Zudem sei es zu einer Verinselung der Lebenswelt gekommen. Den Weg zwischen Wohnung, Freunde, Verein und Schule lege man heutzutage immer mehr mit dem Auto zurück. Man soll den Kindern mehr zutrauen, so die Botschaft von Rebecca Kunz. "Den Nachhauseweg von der Schule würden die Kleinen gerne nutzen um den Schultag zu verarbeiten. Auch Konflikte werden ausgetragen. Doch dies geht nicht, wenn man von der Mama mit dem Auto abgeholt wird", erklärte Kunz.
Sport und Bewegung tun Körper und Geist gut, hieß es. Vergleiche zwischen Modellschulen mit einem erhöhten Sportangebot, zu denen die Leutesheimer Grundschule gehört, und den herkömmlichen Kontrollschulen hätten ergeben, dass es an den Modellschulen zu deutlich weniger Aggressionhandlungen der Kinder gekommen sei.
Die Kindheit werde immer mehr institutionalisiert. Freizeitstress, voller Terminplan durch Vereine: Die Möglichkeit selbstorganisiert zu spielen gehe immer mehr verloren. Und es gibt einen Trend vermehrt in der Wohnung zu spielen. Durch TV sehen und Computerspiele würden die körpernahen Sinne der Kinder, wie Muskel- und Gleichgewichtsinn, regelrecht verhungern, warnte Rebecca Kunz. Bewegungssoll von zwei bis drei Stunden pro Tag und Bewegungs-Ist von einer Stunde gehen laut einer Studie deutlich auseinander. Die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder lasse nach, das Gewicht nehme zu.
AOK-Ernährungsberaterin Sonja Nolte sagte, dass Essen eine wichtige Sinneserfahrung sei. Man sollte den Speiseplan nicht nach den Wünschen der Kinder erstellen, sondern immer wieder für Abwechslung sorgen und auf gesunde Ernährung achten.
Bei einem Sinnesparcours wurde am Montag der Geschmack- und Tastsinn der Leutesheimer Grundschüler getestet. Es wurde ein Schulranzen-TÜV durchgeführt. Der Tornister sollte zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts nicht überschreiten, hieß es. Viel Sport und Bewegung standen auf dem Vormittagprogramm. Nachmittags gingen dann die Leutesheimer Lehrer bei Rebecca Kunz in den Unterricht.